Der Geburtstag von Rolf Dieter Brinkmann hat sich 2015 zum 75. Mal (*16.04.1940) und sein Todestag zum 40. Mal (+23.04.1975) gejährt. „Das hat die Stadt Vechta zum Anlass genommen, gemeinsam mit der Arbeitsstelle Brinkmann an der Universität Vechta unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Fauser ein für Vechta bis dahin einmaliges Projekt zu entwickeln und umzusetzen, das jedoch aus verschiedenen Gründen erst 2016 zum Abschluss gebracht werden konnte“ so Vechtas Bürgermeister Helmut Gels. Nach fast 60 Jahren ist das erste Gedichtbuch des Vechtaer Schriftstellers Rolf Dieter Brinkmann wieder aufgetaucht und der Arbeitsstelle Brinkmann käuflich gemacht worden. Dieses Gedichtbuch konnte mit finanzieller Hilfe durch die Stadt Vechta und die Universitätsgesellschaft Vechta erworben werden, in dem der Schüler Brinkmann 41 bislang unbekannte Gedichte an seine Jugendfreundin niederschrieb. Eine irre Lovestory: Der Schüler Brinkmann verliebt sich in eine Internatsschülerin aus Berlin, die für ganze sechs Wochen in der Vechtaer Liebfrauenschule lebt. Im Februar und März 1957 schickt er 41 Gedichte in doppelt verpackten Briefen ohne Absender über eine Botin in das streng überwachte Internat. Eine Externe, bei den Eltern wohnende Schülerin, stellt den Kontakt her. Im Lyzeum wurden Briefe von den Nonnen kontrolliert und allenfalls gemeinsam gelesen, Intimitäten waren untersagt, beim Ausgang in die Stadt wurden die Schülerinnen abgeschirmt. Sie konnten einander nur sehen, miteinander gesprochen haben Brinkmann und Gisela Reinholz kein Wort. Die heute in Mainz lebende Frau hat von der bedrückenden Atmosphäre und dem Zufall erzählt, dem wir den Erhalt der Gedichte verdanken. Sie musste alle Briefe verbrennen, um den jungen Autor und sich selber vor dem Schulverweis zu schützen. Brinkmann hat deshalb alle Gedichte in ein schwarz gebundenes Album übertragen und sein erstes Werk nach Berlin geschickt. Hätte ihre Mutter die Sendung gesehen, wäre sie ebenfalls verschwunden. Dennoch: Zwei Briefe und zwei Briefgedichte konnte sie retten. „In den Texten“, so Prof. Fauser, „spüren wir noch genau die Stimmung der damaligen Zeit, die strenge Erziehung, aber auch die kleinen Fluchten.“ Nicht nur die Lyrik ermöglichte Brinkmann einen Ausweg, auch der Rock´n´Roll, den er damals aus Diers Eisdiele in Vechta hören konnte, eröffnete ihm eine neue Welt. Die Musikbox lieferte den Sound der „Sweet little Sixteen“ – Zeit, wie sie uns aus den Gedichten entgegen strahlt. Erstaunlich: Fernab der literarischen Zentren der 50er Jahre entstand in Vechta ein wichtiger Beitrag zur neuen Literatur. Denn Brinkmann kannte die neuesten Autoren. „Hier in Vechta“, so kann Prof. Fauser nachweisen, „lernt Brinkmann die moderne Kunst kennen, hier erfährt er von den aktuellen Tendenzen, hier beginnt seine Literatur mit ihrem originären Ansatz. Ein Anfang nur? Ja, aber was für einer!“


Eine erste öffentliche Lesung mit dem Schauspieler Stefan Haschke vom Theater Osnabrück wird es im Rahmen der Vechtaer Literaturtage am Freitag, dem 15.04.2015 um 20.00 Uhr im Metropol Theater in Vechta geben. „Mit dieser Veranstaltung, dessen Datum erst nach dem Ankauf der Gedichte festgelegt werden konnte, möchte die Stadt Vechta und die Arbeitsstelle Brinkmann an der Universität Vechta nachträglich des 75. Geburtstages und des 40. Todestages von Rolf Dieter Brinkmann gedenken“ so Gels weiter. Er dankte in diesem Zusammenhang Herrn Prof. Dr. Fauser für das Zustandekommen dieses Projekts und dem Vorsitzenden der Universitätsgesellschaft, Uwe Bartels, für die erfolgreiche Kooperation. Bartels, der auch Zeitzeuge der damaligen Umstände in Vechta war, wies auf die Bedeutung Brinkmanns für die moderne Literatur in Deutschland hin. „Die frühen Jugendbriefe Brinkmanns lassen bereits das spätere Genie erkennen“ so Bartels.