Schwester Birgit vor dem Flüchtlingswohnheim in der Grafenhorststraße (Foto: Bindernagel, Stadt Vechta)

Ehrenamtliches Engagement

Schwester Birgit unterrichtet Kinder spielerisch

veröffentlicht: am 01.11.2017     Bildung, Soziales

Der Stadt Vechta ist die Flüchtlingshilfe weiterhin ein großes Anliegen. Wir informieren über ehrenamtliche Flüchtlingshelfer.

Kaum hat Schwester Birgit aus dem Kloster Marienhain in Vechta das Flüchtlingswohnheim an der Grafenhorststraße betreten, da poltern sechs Kinder freudestrahlend die steinerne Treppe hinunter. „Schwester Birgit!“, rufen sie begeistert. Sie freuen sich die Ordensschwester zu sehen. „Schwester Birgit, spielen wir heute? Oder basteln wir?“, fragt eines der Grundschulkinder aufgeregt; in sehr gutem Deutsch. Schwester Birgit lächelt.

Sie engagiert sich seit rund zwei Jahren ehrenamtlich für die Kinder, die mit ihren Familien vor Krieg und Terror geflohen sind und in Vechta ein sicheres Zuhause gefunden haben. Gut 100 Ehrenamtliche wie Schwester Birgit kümmern sich in Vechta auf vielfältige Weise ehrenamtlich um die Menschen aus Syrien, Irak oder dem Iran.

Schwester Birgit möchte heute den Kindern spielerisch Deutsch beibringen. Die Mädchen und Jungen folgen ihr zum Gruppenraum und reißen sich regelrecht darum, den Korb, den Schwester Birgit bei sich trägt, tragen zu dürfen. Es wird ein wenig geschubst und gedrängelt, woraufhin Schwester Birgit die Kinder ermahnt. Den Korb gibt sie nicht aus der Hand.

Im Raum angekommen, setzen sich alle an einen Tisch. Die Kinder beobachten Schwester Birgit dabei, wie sie ein buntes Tuch aus dem Korb herausnimmt und auf dem Tisch ausbreitet. Die Kinder sollen zunächst sagen, welche Farben auf dem Tuch zu sehen sind und in einer zweiten Runde auf die richtige Farbe zeigen, die Schwester Birgit ihnen nennt. Die Kinder spielen begeistert mit und zeigen, was sie im Deutschunterricht schon alles gelernt haben. Während des Unterrichts kommen weitere Kinder dazu.

Schwester Birgit lebt im Kloster Marienhain auf der anderen Seite der Grafenhorststraße. Die Stadt Vechta hatte den alten Trakt des früheren Seniorenwohnheim St. Hedwig-Stift vor zwei Jahren gemietet, als dringend neuer Wohnraum für geflohene Familien mit Kindern gebraucht wurde. Aktuell leben dort circa 75 Menschen.

Auch die anderen Ordensschwestern engagieren sich für die Flüchtlinge. Während sie beispielweise klassischen Deutschunterricht geben, fördert Schwester Birgit die Kinder mit spielerischen Übungen und Spielenachmittagen.

In ihrem Korb hat sie Alltagsgegenstände mitgebracht. Im nächsten Spiel sollen die Kinder Dinge wie einen Stift oder einen Würfel benennen. Auch das Garn, die CD-Hülle oder den Filzstift können die Kinder sofort aufzählen. Die schwarzen Zahlen auf den bunten Kärtchen sind ebenfalls kein Problem, denn fast alle Kinder sprechen schon sehr gut Deutsch. Das klappt auch im nächsten Spiel, als die Kinder erkennen und sagen sollen, welchen Gegenstand Schwester Birgit unter dem ausgebreiteten Tuch vom Tisch entfernt.

„Ich hatte Mitleid mit ihnen. Ich wollte von Anfang an meinen Teil dazu beitragen, dass sich diese Menschen hier in Vechta wohlfühlen – vor allem die Kinder!“, erklärt Schwester Birgit ihre Motivation, sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge zu engagieren. Sie gibt jedoch auch zu, anfangs leichte Berührungsängste gehabt zu haben: „Vor allem deshalb, weil man ja die Sprache nicht kennt!“ Dies habe sich aber sehr schnell gelegt, erklärt sie; weil vor allem die Kinder so wahnsinnig schnell Deutsch lernten.

Heute beschreibt Schwester Birgit ihr Ehrenamt als „großen Spaß“, aber auch als „Herausforderung“ – weil es eben auch anstrengend sein kann, viele Kinder gleichzeitig zu betreuen.  „Ich freue mich aber, wenn ich gebraucht werde und darüber, dass die Kinder sich so sehr über meine Besuche freuen“, sagt sie.

Die Gruppe kommt zum Ende ihres Spiels. Nachdem alle Farben und Gegenstände erkannt und benannt sind, möchte Schwester Birgit gehen. „Aber bitte komm bald wieder!“, sagt ein kleiner Junge, der sie scheinbar nur widerwillig gehen lässt. Schwester Birgit wird wiederkommen. Nicht unbedingt morgen, aber vielleicht übermorgen. Sie hat keine festen Zeiten und daher auch keinen Druck. Es ist ein Ehrenamt, kein Vollzeitjob.

Es sei ein Geben und ein Nehmen: sie schenke den Flüchtlingen ihre Zeit und diese geben ebenso viel zurück, erklärt sie: „Und sei es auch nur, dass mich jemand über die Straße begleitet oder meine Tasche trägt.“ Viele Flüchtlinge sind dankbar für die Hilfe der Ehrenamtlichen. Ihr habe sogar mal eines der Kinder einen Brief geschrieben und sich bedankt, verrät Schwester Birgit. Ein Ehrenamt auszuüben empfiehlt sie jedenfalls unbedingt weiter: „Die Kleinen mit ihren großen Augen – da kann man einfach nicht anders!“.

Nächstes Mal wird sie den Korb vielleicht zu Hause lassen. Stattdessen wird sie mit den Kindern und weiteren ehrenamtlichen Helfern ins Spielzimmer gehen, basteln, Zeichentrickvideos anschauen oder einen Ausflug machen – zum Spielplatz oder in den Tierpark. Oder sie gehen zum Eis essen ins nahegelegenen Fastfood Restaurant.

Schwester Birgit macht sich auf den Rückweg. Alle Kinder folgen ihr aus dem Raum. Vor der Tür wird noch ein Foto gemacht. Einige Kinder begleiten Schwester Birgit noch bis zur Straße. Dort verabschiedet sie sich – bis zum nächsten Mal. Zum Abschied winken ihr die Kinder nach.  

Text und Bilder: Sabrina Bindernagel

In Vechta gibt es viele Menschen, wie Schwester Birgit, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren. Die Stadt Vechta pflegt gemeinsam mit dem Caritas-Sozialwerk ein Netzwerk aus rund 50 Ehrenamtlichen, das einmal im Monat zusammenkommt. Jeder, der sich in der Flüchtlingshilfe engagieren möchten, ist dazu jederzeit herzlich eingeladen.

Die Stadt Vechta und das Caritas-Sozialwerk suchen weiterhin Freiwillige, die insbesondere Patenschaften für Familien aus dem Flüchtlingswohnheim an der Grafenhorststraße übernehmen möchten. Ein Familienpate unterstützt im Alltag; zum Beispiel bei Behördengängen und Arztbesuchen. Wir werden in einem weiteren Teil unserer Serie über eine solche Patenschaft berichten.

Der Fachdienst Soziale Dienste, Senioren & Integration der Stadt Vechta informiert über ehrenamtliche Tätigkeiten in der Flüchtlingshilfe. Informationen gibt beispielsweise Constanze Aschern unter der Telefonnummer 04441 886517 oder per Mail an constanze.aschern(at)vechta.de.

Bildergalerie Besuch Schwester Birgit

Weitere Fotos vom Besuch von Schwester Birgit im Flüchtlingswohnheim

(Fotos: Bindernagel, Stadt Vechta)