Rathaus-Journal

Im Interview mit Bürgermeister Kristian Kater

veröffentlicht: am 08.03.2021     Alle Themen

Lockerungen, Schnelltests, Impfen - Im Interview steht Vechtas Bürgermeister Kristian Kater Rede und Antwort.

Herr Kater, das ganze Land spricht von Öffnungen, aber wenn wir uns in Vechta so umsehen, ist alles zu? Warum ist das so?

Kater: Das hat mit dem Inzidenzwert im Landkreis Vechta zu tun, der aktuell höher als 100 Infektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen liegt. Die Verordnung des Landes Niedersachsen sieht für diesen Fall leider keine Öffnungen vor. 

 

Ergibt es denn überhaupt Sinn, einen starren Wert wie die Inzidenz pro 100.000 als Maßstab zu nehmen?

Kater: Aus meiner Sicht: Nein. Viel wichtiger wäre es, kleinteiliger zu schauen, also wie stellt sich die aktuelle Lage in der einzelnen Stadt oder der einzelnen Gemeinde dar und nicht nur den Blick auf den gesamten Landkreis zu haben. Zudem sollte man weitere Faktoren in die Betrachtung einfließen lassen.   

 

Die wären?

Kater: Zum Beispiel ob die Nachverfolgbarkeit der Infektionen noch gewährleistet ist. Denn das ist sie aktuell im Landkreis Vechta, weil unser Gesundheitsamt seit nunmehr einem Jahr einen hervorragenden Job macht. Weiter sollte die Auslastung des regionalen Gesundheitssystems eine Rolle spielen. Auch da sind wir aktuell im grünen Bereich und natürlich - und das ist eigentlich das Wichtigste - müssen wir viel mehr impfen und testen, dann lassen sich auch Öffnungen vertreten.

 

Impfen, Testen, Öffnen also. Was muss denn unbedingt schon jetzt geöffnet werden?

Kater: Neben dem Einzelhandel natürlich in erster Linie die Kitas und die Schulen. Ich sag es so wie es ist: Viele Familien gehen mittlerweile auf dem Zahnfleisch, weil sie die Gesamtsituation mit Vereinbarkeit von Job und Schule oder Kinderbetreuung mehr als belastet. Sie brauchen jetzt eine Perspektive. Beim Einzelhandel muss es eine Gleichberechtigung im Land geben, ansonsten kommt es zu ungewollten Käuferwanderungen, die schlecht für das Infektionsgeschehen aber auch für die heimische Wirtschaft sind.

 

Und diese Perspektive erhalten Sie durch die neue Landesverordnung nicht?

Kater: Das Erreichen der Grenze von 100 - auch nur knapp darüber - in einem kurzen Zeitraum, reichen dafür aus, dass Kitas geschlossen sind und Schule fast komplett ohne Präsenz stattfindet. So erhalten die Landkreise und Einrichtungen vor Ort nicht die Chance, durch geeignete Maßnahmen Infektionsketten zu unterbrechen oder den Kindern zumindest einen Teil eines normalen Lebens zu geben.

 

Welche Maßnahmen meinen Sie?

Kater: So könnte der Landkreis als Gesundheitsbehörde eine weitere Trennung - ob zeitlich oder räumlich - einfordern, damit der Abstand mehr gewahrt wird. Die Einführung der Maskenpflicht im Primarbereich, die vom Landkreis über die Landesverordnung hinweg angeordnet wurde, bringt schon heute ein höheres Maß an Sicherheit für die Schülerinnen und Schüler sowie dem Lehrpersonal und verhindert die komplette Schließung der Schulen. Genauso können auch in Kitas Maßnahmen wie Schnelltests oder auch die Impfungen des Personals mehr Sicherheit bei gleichzeitiger vorsichtiger Öffnung schaffen. Gleiches gilt ebenfalls im Einzelhandel.

 

Kann dies der Landkreis oder die Stadt nicht schon heute anordnen?

Kater: Nein, da die Landesverordnung klare Regelungen vorsieht, hat der Landkreis kein Ermessensspielraum für Öffnungen - auch wenn hier einige Maßnahmen das mildere Mittel wären. Er kann lediglich weitere Maßnahmen, die über die Landesverordnung hinweggehen, anordnen.

 

Sie sprachen das Impfen und Testen an. Was macht denn die Stadtverwaltung Vechta, um die allgemeine Situation zu verbessern?

Kater: Jede Menge. So habe ich die Mitteilung erhalten, dass circa 92% unserer Lehrer und Betreuungskräfte sowie weitere Beschäftigte in den Kitas und Schulen bereit sind, sich impfen zu lassen. Diese hohe Akzeptanz ist Ausdruck dessen, dass die Menschen in unserer Stadt sehr verantwortungsvoll mit der Corona-Thematik umgehen. Das hat auch mit unserer Kommunikation zu tun. Unser zentrales Impfzentrum vom Landkreis ist in der Lage, an einem Tag über 1.000 Menschen zu impfen. Das Zentrum hat sich sehr gut etabliert und die Rückmeldungen sind stets positiv. Jede Impfdose, die unseren Landkreis erreicht, wird auch verimpft. Es bleibt nichts liegen.

Auch das Projekt Impfpaten für die Menschen ab 80 Jahre ist ein Erfolg. Und deshalb werden wir es jetzt auch auf die nächste Impfgruppe, also auf die über 70-Jährigen, ausweiten. Zudem sorgen wir dafür, dass sich die Beschäftigten in unseren Kitas bis zu dreimal die Woche kostenlos testen lassen können. Einen Großteil der Kosten übernehmen wir dabei. Damit gehen wir weit über die Leistungen des Bundes oder Landes hinaus und leisten so einen wesentlichen Beitrag zum Gesundheitsschutz in unseren Kitas und unterstützen die Devise: Impfen, testen, öffnen.

 

Was fordern Sie vom Land? Was muss sich ändern?

Kater: Zunächst halte ich es für wichtig, dass wir sachlich diskutieren und klug agieren. Dann kommt man auch zu den besten Ergebnissen. Die geltenden Corona-Regelungen müssen so abgefasst werden, dass sie bei unseren Bürgerinnen und Bürgern verstanden und mitgetragen werden. Wichtig ist, dass wir unser Ziel nicht aus den Augen verlieren und Infektionsketten unterbrechen, aber dass wir auch ein zumindest halbwegs normales Leben ermöglichen. Unsere Bürgerinnen und Bürger haben nun schon seit einem Jahr bewiesen, dass sie mit den Maßnahmen verantwortungsvoll umgehen. Hierbei muss hinterfragt werden, ob starre Inzidenzwert als Bemessungsgrundlage noch sinnvoll sind und ob man die Kommunen stärker bei der Pandemiebekämpfung mit einbeziehen sollte. Denn vor Ort können wir sehr gut beurteilen, welche Schritte und Maßnahmen notwendig sind und welche vielleicht über das Ziel hinausschießen.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kater.