Von links: Hendrik Scheele (Landkreis Vechta), Dirk Ortland (Stadt Vechta), Christoph Böckmann, Bürgermeister Kristian Kater, Denise Warnecke, Joost Böckmann. (Foto: Kläne)

Deindrup

Kater besucht Agroforstbetrieb Böckmann

veröffentlicht: am 05.05.2021     Baugrundstücke, Planen, Bauen

In Deindrup hat Vechtas Bürgermeister Kristian Kater den neuen Agroforstbetrieb von Joost Böckmann besichtigt.

Der 26-jährige Landwirt hat den Hof seiner Familie reaktiviert und kombiniert auf seinen Flächen Elemente des Ackerbaus, der Tierhaltung und der Forstwirtschaft. Mit der Stadt Vechta hat er sich vertraglich darauf geeinigt, 13 Hektar seiner Flächen in Streuobstwiesen umzuwandeln. Diese erfüllen die hohen Anforderungen an Kompensationsflächen, die eine Kommune als Ausgleich zum Beispiel für neue Baugebiete schaffen muss. Dort dürfen keine Pflanzenschutzmittel oder chemisch zusammengesetzter Dünger verwendet werden. Die Stadt zahlt dafür einen Ausgleich an den Flächeneigentümer.

In seinem Forstwirtschafts-Studium ist Joost Böckmann auf viele Ideen gestoßen, die ihn inspirierten. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Denise Warnecke und seinen Eltern entwickelte er über Jahre ein Gesamtkonzept für den Hof in Deindrup. Diesen hatte die Familie seit 40 Jahren nicht mehr selbst bewirtschaftet und die Flächen an landwirtschaftliche Betriebe verpachtet.

Vater Christoph Böckmann, ein selbstständiger Förster, unterstützte das Vorhaben seines Sohnes von Beginn an. Im März 2019 wurde der Vertrag mit der Stadt Vechta unterzeichnet. Nach und nach wandelt Joost Böckmann seitdem die Flächen in Kooperation mit dem Landkreis Vechta und der Stadt Vechta um. Auf den Ausgleichsflächen hat er Streuobstwiesen, Wallhecken, Feldhecken und Teiche angelegt sowie Obstbäume gepflanzt. Demnächst möchte er Rinder kaufen, die die ausgesäten Gräser und Wiesenpflanzen wie Klee und verschiedene Kräuter abweiden. Die Tiere bewirtschaften quasi das Gründland und sind durch ihren Verkauf auch eine Einnahmequelle. „Bauern haben das früher Jahrhunderte lang so gemacht. Sie haben Hühner, Schweine und Rinder in der Streuobstwiese laufen lassen, um Schädlinge zu vertilgen und Futter zu sparen“, erklärt Joost Böckmann.

Ganz neu ist die Idee der Agro-Forstwirtschaft demnach nicht. Der junge Landwirt bedient sich bewusst an Erkenntnissen aus der Historie der Landwirtschaft. Es gibt in Norddeutschland steinzeitliche Ausgrabungen, die auf einen großen Verzehr von Haselnüssen hinweisen. Walnüsse haben seit jeher ihren angestammten Platz im Bauerngarten. Böckmann möchte diese Baumarten großflächig anpflanzen. Dabei müsse er die zu erwartenden klimatischen Veränderungen berücksichtigen, erklärt er: „Wir wissen heute noch nicht, welche Bäume sich durchsetzen können.“ Daher setzt er auf eine Mischkultur aus Esskastanienbäumen, Walnuss und Haselnuss. Die Esskastanie (Marone) ist hierzulande bisher nicht verbreitet, sondern wird eher im Mittelmeerraum und in Teilen Frankreichs angebaut. In seiner hofeigenen Versuchsstation zieht er die Bäume bereits hoch.

Die Baumfrüchte sollen die Haupteinnahmequelle des Betriebes werden. Sie lieferten alles, was für die menschliche Grundernährung gebraucht werde, pflanzliche Proteine, Fette und Kohlenhydrate, sagt Joost Böckmann. Esskastanien würden derzeit größtenteils importiert – zum Beispiel aus China. Er sieht darin einen Markt, der auch verstärkt vor Ort bedient werden könnte. Es wäre nicht das erste Mal, dass in Deindrup Pionierarbeit geleistet werde, sagt Böckmann. Die Landwirte seines Heimatortes seien immer schon neue Wege gegangen, hätten Pfirsiche, Erdbeeren, Grünkohl und Zucchini kultiviert.

Sein Konzept besteht aus vielen verschiedenen Bausteinen. Entlang der Felder sollen Wallhecken den Boden vor Abtrag durch Wind schützen. Kleine, neu angelegte Teiche sollen das Wasser in den – laut Prognosen – regenreicher werdenden Wintern für die trockener werdenden Sommer speichern. Joost Böckmann schaut weit über den Tellerrand hinaus, um sein Konzept erfolgreich umsetzen zu können. Mit innovativen Agroforst-Systemen hätten Landwirte in den USA und Australien, denen extreme Wetterereignisse seit langem zu schaffen machten, gute Erfahrungen gesammelt, sagt er. Er ist überzeugt davon, dass er diese auch in Deindrup erfolgreich anwenden kann.

Nicht zuletzt profitiert die heimische Tierwelt von den Maßnahmen: Grünflächen dienen dem Wild, Blühwiesen, Hecken und Obstbäume den Insekten als Lebensraum. Durch die flächendeckend angelegten Naturräume entsteht zudem eine Amphibienstraße vom renaturierten Schierenbach an der Autobahn 1 bis zum Großen Bruch, einer großen Kompensationsfläche der Stadt Vechta, die von der Lebensgemeinschaft Sonnenhof bewirtschaftet wird.

Bürgermeister Kater zeigte sich beeindruckt von dem Konzept. „Es gehört Mut dazu, ganz neue Wege zu gehen und ein solch langfristig angelegtes Projekt umzusetzen. Das Konzept hat in meinen Augen Modellcharakter“, sagt er. „Von einer solchen Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Kommunen können viele profitieren, die Maßnahmen sind gut für die Natur und das Klima. Sie müssen sich langfristig aber auch für den Landwirt auszahlen. Veränderungen bekommt man nicht von heute auf morgen hin. Dafür braucht man einen langen Atem und gute Konzepte wie diese.“