Autorin Larissa Schleher auf dem Podium im Gespräch mit Verleger Alfred Büngen.

Artist in Residence 2020

Larissa Schleher spricht über das Programm

veröffentlicht: am 20.10.2021     Kultur, Veranstaltungen und Tickets

„Was macht dich zum/zur Europäer*in?“, fragte Larissa Schleher im Februar 2020 rund einhundert Vechtaer/-innen zwischen 2 und 92 Jahren.

Während des Gesprächs tippte die Autorin die Antworten auf ihrer Schreibmaschine mit. Entstanden sind individuelle Kurz-Prosa-Texte. Nun sprach Larissa Schleher auf dem Podium im Rathaus der Stadt Vechta mit Alfred Büngen vom Geest-Verleg über die Aktion und das daraus entstandene Buch. Musikalisch gekonnt begleitet wurde der Abend von der Band „Green Coffee“.

Was für wunderbare Ergebnisse durch das gemeinsam von Stadt und Universität ausgerufene Stipendium entstanden sind, hoben Bürgermeister Kristin Kater und Universitätspräsident Prof. Dr. Burghart Schmidt in ihren Grußworten hervor. Künstler*innen könnten auf diesen Weg Zugang zu Vechta finden, die Menschen der Region Zugang zur Kunst. So auch 2020 durch Larissa Schleher; „Straßenpoesie in Vechta – Europäer*innen von A bis Z“ hieß das Thema damals.

Anfangs sei sie mit „positiver Aufregung aber auch mit etwas Sorge“ in das Projekt gestartet, sagte die 28-Jährige. Während ihrer sonstigen Arbeit könne sie als Schriftstellerin auch allein arbeiten. Bei ihrem Vorhaben in Vechta war sie aber auf Gespräche mit den Vechtaer*innen angewiesen. Sie wollte die Gesprächsmomente einfangen, Fehlbarkeiten – auch von ihr selbst – nicht umgehen, sondern ebenso wie individuelle Eigenschaften der interviewten Personen direkt einfließen lassen.

Bereits an ihrem ersten Tag in der Stadt zeigte sich die Offenheit der Menschen. Nach einem zufälligen Kontakt wurde sie direkt zu einer Familie nach Hause eingeladen, um dort über deren Geschichte zu sprechen. Persönlich ging es zu – Flucht, Liebe, Trennung, Lebensgefahr oder auch Freiheit enthielten die Erzählungen zum Thema Europa. „Ich war beeindruckt von der Aufgeschlossenheit“, sagte die Autorin. Auch während öffentlicher Aktionen in der Stadt kamen Menschen schnell ins Gespräch mit ihr. Ein Aspekt dafür sei neben der Bekanntmachung über Presse und andere Medien auch ihre Schreibmaschine „Olympia“ gewesen, ist sich Larissa Schleher sicher. Auf dieser tippte sie die Interviews als Kurz-Prosa mit – die entstandenen Werke konnten die Gesprächspartner*innen direkt mitnehmen und sind nun im neu erschienenen Buch zu lesen. Die Schreibmaschine habe erste Barrieren abgebaut, meint die Autorin und schreibt in ihrem Buch über das antike Gerät: „Du bist die Psychologin, ich die Pfarrerin“. „Viele Menschen hätten zu Beginn Angst gehabt, meine Frage nicht beantworten zu können“, sagte Larissa Schleher. Doch es habe sich gezeigt, dass viele Gesprächspartner*innen doch in irgendeiner Beziehung zu Europa stehen und etwas dazu zu sagen haben.

Die Zeit in Vechta sei intensiv gewesen und viele positive Erfahrungen habe sie gesammelt. Die Menschen seien ihr in bester Erinnerung geblieben und die meisten, der während des Projekts entstandenen Texte könne sie auswendig, schildert Larissa Schleher – so tiefgreifend seien die Gespräche gewesen. Und genau dies sei eine Möglichkeit, wie Europa weiterexistieren könne, fasst Verleger Alfred Büngen zusammen: „Indem man darüber spricht!“

Künstler*innen-Stipendium „Artist in Residence“
Seit 2013 schreiben Stadt und Universität Vechta jährlich ein gemeinsames „Artist in Residence-Programm“ aus. Es bietet einem Künstler oder einer Künstlerin die Möglichkeit, für vier bis sechs Wochen in der Stadt Vechta zu leben und themenbezogen zu arbeiten. Im Zusammenwirken der verschiedenen Bereiche – Stadtentwicklung, Wissenschaft und Kunst – sollen neue kreative Impulse freigesetzt werden, die positiv auf das kulturelle Leben der Menschen in Vechta wirken. Infos unter www.air-vechta.de

Buch
„Länder, das sind doch nur in Sand gezeichnete Linien. 100 Europäer – ein Interviewprojekt“
Geest-Verlag
ISBN 978-3-96685-869-5

 

Interview mit Larissa Schleher über ihre Zeit in Vechta

Wenn Sie an Ihre Bewerbung und die ersten Tage in Vechta denken, an welche Eindrücke erinnern Sie sich?

Diese unendliche Weite. So viel Grün, so viel Backstein, so viele Pferde! Und mit dieser Weite eine Idylle, eine Ruhe, etwas Heimisches, obwohl die Landschaft hier so weit entfernt ist von den Landschaften in meiner Heimat, die Häuser so anders – und trotzdem so vertraut. Als ich diese Woche nach Vechta gefahren bin, war ich gestresst, aber sobald ich in der NWB saß, spürte ich, wie ich mit jedem Kilometer innerlich ruhiger wurde, sich so etwas wie Frieden in mir ausbreitete. Das klingt für jemand, der täglich damit pendelt, vermutlich verrückt. Aber ich saß wie ein kleines Kind am Fenster und schrie alle paar Meter gedanklich auf: „Das Haus erkenne ich wieder!“, bis ich merkte, dass das vermutlich ein Déjà-vu war, eine Erinnerungstäuschung, dass die Häuser und Höfe alle groß waren, die Vorgärten alle gepflegt, überall eine Gartenhütte stand, ein Trampolin, und ich mich vielleicht erinnerte, vielleicht aber auch nicht. Gleichzeitig das Gefühl von Einsamkeit, ein Detektiv auf Spurensuche.

Was sind die positivsten Erinnerungen an Ihre Zeit als „Artist in Residence“ 2020?

Auf jeden Fall die zwischenmenschlichen Begegnungen, das Interesse der Menschen, das Vertrauen, die Offenheit bei meinen Interviews. Zu einigen Personen habe ich bis heute Kontakt, das berührt und bekräftigt, dass ein eigentlich so kurzer Aufenthalt so lange nachhallt, etwas bleibt. Zwei, drei Mal bin ich über die Direktheit gestolpert, das Raue, vielleicht die nordische Mentalität?, aber ich habe schnell gemerkt, dass mir vieles vertraut ist, die Menschen in den verschiedenen Gegenden Deutschlands ähnlicher sind als ihre Gebäude und Landschaften, Vechta auch im Schwäbischen liegen könnte.

Wie würden Sie die Entstehung Ihres Buches/das finale Werk als solches erklären?

Als "Never-Ending-Story". Die unendliche Geschichte. So, wie ich während meiner Zeit in Vechta das Gefühl hatte, noch unendlich viel Zeit zu benötigen, ich gerne länger geblieben wäre, mit noch mehr Menschen gesprochen, mehr Orte gesehen hätte, so ist auch das Schreiben eines Buches: Nie ist man fertig. Aber jetzt ist es doch soweit: Das Buch ist endlich da! Es enthält Interviews von 100 Menschen, die ihre persönlichen Geschichten zu Europa erzählen. Außerdem erhält es eigene literarische Texte von mir, in denen ich von der Zeit in Vechta berichte, sowie Fotos von Vechta und meinen Interviewpartner*innen.

Als Resümee: Was halten Sie vom „Artist in Residence“-Projekt?

Viel. Die Förderung von Kunst und Literatur ist immer begrüßenswert, aber hier profitieren beide Seiten: Die Künstler*innen sowie die Stadt und ihre Menschen. Viele der Menschen, die ich getroffen habe, wussten gleich, was es mit dem Artist-Projekt auf sich hat, sind gezielt zu mir gekommen, haben den Kontakt gesucht. Und ich habe versucht, Ihnen mit den Interviews und den Fotografien etwas zurückzugeben, nicht nur den Blick von außen, sondern auch ihren eigenen Blick, ihre eigene Sprache, ihre Geschichten festzuhalten und nun in diesem Buch zu verewigen, als ein kleiner Ausschnitt Vechtas.