Für Judith Siemer, Cäcilia Seelhoff und Elisabeth Vatterodt war es im wahrsten Sinne des Wortes ein Sprung ins kalte Wasser. Alle hatten schon reichlich Erfahrungen damit gesammelt, Kindern und Jugendlichen das Schwimmen beizubringen und sie zu trainieren. Aber die Schwimmkurse, die sie im Frühjahr übernahmen, waren ganz anders. Die Stadt Vechta bot die Kurse im Becken der Geschwister-Scholl-Oberschule ausdrücklich nur erwachsenen Frauen an, die nicht schwimmen oder kaum schwimmen konnten. Einige hatten eine ausgeprägte Angst vorm Wasser, eine sehr herausfordernde Aufgabe für die drei Trainerinnen.
Zunächst hätten sie herausfinden müssen, welche Teilnehmerinnen sie überhaupt verstehen konnten, berichtet Elisabeth Vatterodt. Die Frauen kamen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, sprachen größtenteils kein oder kaum Deutsch. „Alle haben sich untereinander sehr geholfen und übersetzt“, sagt sie. Die Verständigung habe daher mit der Zeit gut funktioniert, wenn auch manchmal nur mit Händen und Füßen. „Das größte Problem war die Angst vorm Wasser.“ Einige der Frauen hätten diese seit ihrer Kindheit, erklärt Elisabeth Vatterodt, bei anderen hätten Erfahrungen auf der Flucht sie ausgelöst. Sie betont: „Diese Angst zu überwinden und zu sagen: Ich lerne trotzdem schwimmen. Davor habe ich Respekt.“
In Vechta kennen viele sie als Buchhändlerin. Über viele Jahre führte sie ihr eigenes Geschäft an der Großen Straße, das sie erst vor wenigen Jahren aufgab. Vor ihrer Umschulung zur staatlich geprüften Buchhändlerin arbeitete Elisabeth Vatterodt aber als Sportlehrerin in Berlin und Mainz und unterrichtete auch Schwimmen. Mit diesen Referenzen meldete sie sich, als die Stadt Vechta Anfang 2025 Trainerinnen für den Schwimmkurs suchte. Ebenso wie ihre jüngeren Kolleginnen, die in der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) aktiv sind: Judith Siemer in der DLRG Visbek, Cäcilia Seelhoff in der DLRG Holdorf.
„Die beiden waren unheimlich toll“, lobt Elisabeth Vatterodt und berichtet von Situationen, in denen ihre Kolleginnen eingriffen, als Teilnehmerinnen im Wasser Angstschübe bekamen. „Diese Situationen zu sehen und eine Stütze zu sein, das haben sie gut gemacht. Das haben auch die Frauen gesehen und hatten Vertrauen.“
Judith Siemer erklärt: „Wir waren immer mit im Wasser und haben die Frauen unterstützt.“ Sie berichtet von zwei Frauen, die nach einem Sprung vom Beckenrand in Schwierigkeiten geraten seien. „Wir haben dann geholfen. Und sie haben es sich danach nochmal getraut.“
Jede Teilnehmerin habe im Rahmen ihrer Möglichkeiten Fortschritte gemacht und an Sicherheit gewonnen, sagt Cäcilia Seelhoff. „Eine von ihnen ist in den Urlaub geflogen, um dort mit ihren Kindern zu schwimmen. Eine andere habe ich im Hallenwellenbad getroffen. Am Anfang des Kurses hatte sie noch total Panik.“ An solchen Momenten erkenne sie, „dass man einiges richtig gemacht hat“, sagt Cäcilia Seelhoff: „Man freut sich, wenn die Frauen die Hemmschwelle überwinden.“
Im vergangenen Jahr hatte die Stadt Vechta den Schwimmkurs für Frauen erstmals angeboten. Bei der Neuauflage waren jetzt 26 Teilnehmerinnen in zwei Kursgruppen dabei. Sie waren zwischen 20 und 68 Jahre alt. Für den zehnwöchigen Kurs zahlten sie 60 Euro. Das Interesse an einer Fortsetzung nach den Sommerferien sei groß, sagt Alena Pölking, Mitarbeiterin im Fachdienst Soziale Dienste, Senioren und Integration. Sie ist die Initiatorin des Kurses. Es gebe bereits eine lange Warteliste. Überlegt werde, einen Kurs für Fortgeschrittene und einen Anfängerkurs anzubieten.
Judith Siemer und Cäcilia Seelhoff können dann aus beruflichen Gründen nicht mehr dabei sein. Deshalb sucht Alena Pölking erneut nach Trainerinnen. Voraussetzung ist das Rettungsschwimmer-Abzeichen in Silber. Erfahrung im Bereich der Schwimmausbildung wäre wünschenswert. Wer Interesse hat, kann sich an Alena Pölking wenden: per Telefon unter 04441/886-5010 oder per Mail an alena.poelking(at)vechta.de. Die Trainerinnen erhalten ein Honorar.
Elisabeth Vatterodt hält es für wichtig, den Frauen mit dem Schwimmkurs einen geschützten Raum zu geben, um Zeit für sich zu haben und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. In den Gruppen sei ein gutes Miteinander entstanden, alle hätten sich gegenseitig unterstützt und füreinander gefreut. Mehrere Frauen meisterten in dieser Atmosphäre die Bedingungen für das Seepferdchen. „Die Frauen waren stolz, wenn sie etwas geschafft haben. Es macht unheimlich Spaß“, sagt auch Judith Siemer. Sie zieht ein durchweg positives Fazit: „Jede hat viel mehr Sicherheit gewonnen. Und keine steigt mehr ins Wasser und hat panische Angst.“
